vor 2 wochen war ich mal wieder auf einer lesung…das war fein:
Einer meiner Professoren sagte mal, als die Ausgangslage sehr ungünstig war, um an das Ziel zu gelangen: „Das ist so, als versucht ihr einen Pudding an die Wand zu nageln!“ Und gerade heute ist mir dieses Gleichnis so nah. Ich besuche die Lesung von Nagel, dem Sänger der Kapelle „Muff Potter“, und schon sind wir wieder beim Gleichnis, denn seine Tour wurde auf den Namen getauft: Pudding an die Wand – Ein Abend mit Nagel!

Rund 70 Leute haben es sich im Sputnik Café bequem gemacht, es könnten aber auch mehr sein. Ich bin nicht gut im Schätzen, also schätze ich nur, dass es ganz schön viele sind. Kleine Bühne, eine Lampe, ein Laptop, ein Beamer. Besonders die Akustik-Gitarre erfreut mich. Ich mag nicht nur Nagels Zeilen, sein Getippe, sondern auch die Songs. In seiner alten Heimat Münster ist er gut drauf. Schnell wird klar, dass dies kein normaler Abend wird. Prolls und Schlampen stehen im Vordergrund und das Rauchverbot ist heute mal ausgesetzt. Es wird also gemütlich. Nagel ist in den letzten Jahren zum Entertainer gereift, für den Geld keine Rolle spielt, auf jeden Fall lässt er das durchblicken. Na ja, so ganz finanziell abgesichert ist dann doch keiner, also noch schnell verdeckte Werbung mit dem Beamer an die Wand geworfen. Am 17.04.09 ist die neue Muff Potter-Scheibe „Gute Aussichten“ auf dem Markt und seit Anfang März gibt es das Hörbuch zu Nagels Debütroman „Wo die wilden Maden graben“! Nagel rockt bei dem Hörbuch nicht alleine durch die Seiten. Hilfe bekommt er von Farin Urlaub und Tatort-Kommissar Axel Prahl. Schon das Cover ist eine Wucht. Bei der Suche nach dem passenden Foto, habe man versucht Axel Prahl ohne Fluppe zu erwischen. 150 Aufnahmen später steht fest, dass man den guten Herr Prahl mit Glimmstängel abdruckt. Ein Foto mit dem Kommissar und ohne Lungenbrötchen ließ sich nicht finden. Großes Gelächter im Sputnik-Café.
Nagel vertieft sich in sein Werk. Die Zuschauer erfahren, dass der Protagonist nichts für Kickern übrig hat und jede Nacht, die Nacht der Nächte werden könnte. Die Angst auf einer Aftershow-Party etwas zu verpassen durchtreibt ihn. Auch in der Wohnung des Romanhelden geht nicht alles glatt. Handwerker haben den Balkon versiebt und das Geländer vergessen. Macht nichts, so kann man beim Frühstücken schön die Beine baumeln lassen. Von seinem Roman springt Nagel immer wieder in unveröffentlichte Kurzgeschichten. Ob nun die Anti-Raucherpille Hauptgegenstand ist oder ein geklautes, nasses Shirt aus einem Berliner Fitnessstudio, Nagel trifft die Sache auf den Punkt. Er ist mal sanft und einlullend, wenn er melancholisch von einer Party nach Hause stampft, dann auch wieder aufbrausend und rotzig, wenn es darum geht seinen Standpunkt zu vertreten. Man möchte sich mit seinen Kurzgeschichten so gerne zudecken und in Frieden schlafen gehen.
Ich komme auf meine Kosten, endlich Musik. Nagel singt von Partys, die man sich hätte getrost sparen können. Man geht trotzdem hin, verlässt ein paar Stunden später den Ort und fühlt sich so ungewohnt unbewohnt. Nagel ist Punk und musste in 4 Schlägereien das Gute im Leben verteidigen. Ein Fascho sprang aus einem Auto mit Warendorfer-Kennzeichen und wollte seine politische Meinung Nagel einhämmern. Nach Fäusten, blauem Auge, Polizei und Gerichtsverhandlung steht auf der Habenseite von Nagel: Freispruch, Sozialstunden für den Neo-Nazi und ein Song Namens „Ich hab ihm ins Gesicht gespien“!
Der Abend ist rund, der Laptop kommt zum Einsatz. Wer nicht wusste, wie Spraydosen und Eddings auf Häuserwänden, Bushaltestellen und in Backstageräumen wirken, bekommt einen Einblick in die geistigen Auswüchse unbekannter Künstler. Da in einem Hinterzimmer eines Clubs ganz groß der Name Götz George verewigt ist, lernen wir Nagels Lieblingsvorstellung kennen. Götz George reißt mit einem überdimensionalen Edding durch die Lande und kritzelt seinen Namen auf alles was nicht (Achtung: Wortspiel) Niet- und Nagelfest ist. Das Publikum prustet, Nagel freut es. Zum Schluss noch mal die Klampfe. Ein neuer Muff Potter-Song geleitet mich zur Tür.Nagel singt über Landflucht, speziell in Brandenburg. Die Kids flüchten in die Großstädte, ein Praktikum machen. Niemand will den Hund begraben. Der Vorhang fällt, Applaus, Autogramme. Morgen liest Nagel auf der Leipziger Buchmesse und auch dort wird den Leute klar werden: survival never goes out of style!